Abwertung beschreibt in der Psychologie einen Mechanismus, bei dem einer Person plötzlich übertrieben negative Eigenschaften zugeschrieben werden – oft derselben Person, die kurz zuvor noch idealisiert wurde. Wer das in einer Beziehung erlebt, kennt dieses Gefühl genau: erst auf ein Podest gestellt werden, dann ohne erkennbaren Grund tief fallen.
Woher kommt der Begriff Abwertung?
Der Begriff „Abwertung“ stammt aus der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie und wurde maßgeblich vom Psychoanalytiker Otto Kernberg geprägt. In seiner Arbeit zur Borderline-Persönlichkeitsorganisation aus dem Jahr 1967 beschrieb er Abwertung als Gegenstück zur Idealisierung – beide zusammen als Ausdruck eines Abwehrmechanismus, den er „Spaltung“ nannte: die Unfähigkeit, andere Menschen (und sich selbst) als komplexe Wesen mit sowohl guten als auch schlechten Seiten wahrzunehmen. Stattdessen kippt die Wahrnehmung zwischen zwei Extremen: entweder ist jemand vollkommen gut, oder eben vollkommen schlecht. Kernberg entwickelte dieses Konzept zunächst im Kontext der Borderline-Persönlichkeitsstörung, es wurde später aber auch zentral für das Verständnis narzisstischer Dynamiken.
Wie sich Abwertung in Beziehungen zeigt
In toxischen Beziehungen ist Abwertung fast immer die zweite Hälfte eines Musters, dessen erste Hälfte du wahrscheinlich noch gut in Erinnerung hast: die Idealisierung. Am Anfang wirst du bewundert, besonders behandelt, wie die perfekte Partnerin oder der perfekte Partner dargestellt. Diese Phase fühlt sich intensiv und echt an – und genau das macht die spätere Abwertung so verwirrend. Denn irgendwann, oft schleichend, manchmal abrupt, dreht sich das Bild: Aus Bewunderung wird Kritik, aus Zuneigung wird Kälte, aus „du bist perfekt für mich“ wird „du bist eigentlich das Problem“. Häufig geschieht das genau dann, wenn du eigene Bedürfnisse äußerst, Grenzen setzt oder in den Augen des Gegenübers nicht mehr genug Bewunderung lieferst.
Bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur hat diese Abwertung eine bestimmte Funktion: Sie schützt vor der eigenen Verletzlichkeit. Wenn Selbstwert vor allem über äußere Bestätigung reguliert wird, wird jede Enttäuschung, jede Kritik und jeder Widerspruch schnell als Bedrohung erlebt. Statt diese Bedrohung an sich selbst zu verarbeiten, wird sie nach außen verlagert – und die andere Person wird abgewertet, um das eigene, fragile Selbstbild zu schützen. Für dich als Betroffene fühlt sich das an, als hättest du plötzlich etwas grundlegend falsch gemacht, obwohl du dich objektiv kaum verändert hast.
Was Abwertung mit Betroffenen macht
Der ständige Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung ist einer der Gründe, warum toxische Beziehungen so schwer zu verlassen sind. Du lernst, jeden Blick, jeden Tonfall zu deuten, um vorherzusagen, in welcher Phase ihr euch gerade befindet. Mit der Zeit beginnt sich dein Selbstwertgefühl an diesem Auf und Ab zu orientieren, statt an dem, was du wirklich über dich selbst weißt. Viele Betroffene berichten, dass sie nach einer solchen Beziehung erst einmal neu lernen mussten, wie es sich anfühlt, sich selbst unabhängig von der Meinung eines anderen wertzuschätzen. Die Abwertung hinterlässt oft nicht nur den Schmerz der einzelnen verletzenden Worte, sondern eine tiefere Unsicherheit: das Gefühl, nie wirklich zu wissen, ob man geliebt oder gerade nur benutzt wird.
Genau dieses Gefühl bleibt oft auch nach der Trennung noch lange spürbar. Viele Frauen beschreiben, dass sie im Kopf längst wissen, dass die Abwertungen nichts mit ihrem tatsächlichen Wert als Mensch zu tun hatten – und trotzdem klingt die Stimme, die sie damals abgewertet hat, im eigenen Inneren manchmal noch nach. Für genau diese Lücke zwischen Wissen und Fühlen gibt es meinen kostenlosen Newsletter „Vom Kopf in den Körper“: kurze Impulse und kleine somatische Übungen, die dein Nervensystem beruhigen, während die Gefühle nach einer toxischen Beziehung oder durcheinander sind.