...
Fenster in einem Keller, als Symbolbild für Stockholm-Syndrom

Das Stockholm-Syndrom beschreibt ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen, die sich in einer bedrohlichen oder ausweglos erscheinenden Situation befinden, eine emotionale Bindung zu der Person entwickeln, von der die Gefahr ausgeht. Sie empfinden möglicherweise Sympathie, Verständnis oder sogar Zuneigung für ihren Täter und beginnen, dessen Verhalten zu rechtfertigen oder zu verteidigen.

Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, kann unter extremen Belastungsbedingungen eine psychologische Bewältigungsreaktion sein. Die betroffene Person versucht möglicherweise unbewusst, die Bedrohung erträglicher zu machen und ein Gefühl von Sicherheit herzustellen.

Der Begriff wird heute nicht nur im Zusammenhang mit Geiselnahmen verwendet, sondern auch bei anderen Formen von Gewalt und Abhängigkeit diskutiert. Dazu gehören unter bestimmten Umständen auch dysfunktionale Beziehungen, in denen ein Mensch wiederholt verletzt, kontrolliert oder manipuliert wird. Allerdings ist wichtig zu unterscheiden: Nicht jede emotionale Bindung an einen misshandelnden Partner ist ein Stockholm-Syndrom. Die wissenschaftliche Forschung zu diesem Begriff ist begrenzt, und er gilt nicht als eigenständige psychische Diagnose.

Woher stammt der Begriff Stockholm-Syndrom?

Der Begriff Stockholm-Syndrom geht auf eine Geiselnahme zurück, die sich am 23. August 1973 in Stockholm, Schweden, ereignete. Bei einem Banküberfall wurden vier Bankangestellte als Geiseln genommen. Die Geiselnahme dauerte sechs Tage. Während dieser Zeit entwickelten einige der Betroffenen offenbar eine ungewöhnliche Verbundenheit zu den Tätern. Nach ihrer Befreiung zeigten sie teilweise Verständnis für die Täter und verhielten sich den Behörden gegenüber kritisch.

Der schwedische Psychiater und Kriminologe Nils Bejerot prägte daraufhin den Begriff, um diese scheinbar widersprüchliche Reaktion zu beschreiben. Das Stockholm-Syndrom wurde in der Folge weltweit bekannt.

Allerdings wurde die Interpretation des damaligen Geschehens später kritisch betrachtet. Auch die wissenschaftliche Literatur zum Stockholm-Syndrom ist überschaubar. Eine systematische Übersichtsarbeit fand keine einheitlichen, wissenschaftlich abgesicherten Diagnosekriterien. Das Phänomen ist deshalb eher als beschreibender Begriff denn als klar definierte psychische Störung zu verstehen.

Welche Symptome und Anzeichen hat das Stockholm-Syndrom?

Da es keine allgemein anerkannten Diagnosekriterien gibt, lässt sich das Stockholm-Syndrom nicht anhand einer verbindlichen Symptomliste feststellen. In Beschreibungen des Phänomens tauchen jedoch bestimmte Reaktionen wiederholt auf.

Dazu gehören:

  • Emotionale Verbundenheit mit dem Täter: Trotz der erlebten Bedrohung entstehen Gefühle von Nähe, Zuneigung oder Loyalität.

  • Rechtfertigung des Täterverhaltens: Die betroffene Person sucht nach Erklärungen für das Verhalten des Täters und spielt die erlittene Gewalt herunter.

  • Mitgefühl mit dem Täter: Sie nimmt dessen Schwierigkeiten, Bedürfnisse oder Gefühle stärker wahr als das eigene Leid.

  • Verteidigung des Täters: Kritik von außen wird als ungerecht empfunden, oder die betroffene Person versucht, andere von der vermeintlich guten Seite des Täters zu überzeugen.

  • Misstrauen gegenüber Außenstehenden: Menschen, die helfen wollen, werden möglicherweise als Bedrohung für die Beziehung oder als Gegner wahrgenommen.

  • Angst und starke innere Anspannung: Je nach erlebter Situation können zusätzlich Angstzustände, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder andere stressbedingte Beschwerden auftreten.

Diese Anzeichen sind nicht spezifisch für das Stockholm-Syndrom und können auch bei anderen Reaktionen auf Gewalt und traumatische Erfahrungen vorkommen. Sie erlauben für sich genommen keine Diagnose. 

Kann das Stockholm-Syndrom auch in toxischen Beziehungen auftreten?

Der Begriff Stockholm-Syndrom wird gelegentlich verwendet, um zu erklären, warum Menschen trotz wiederholter Verletzungen, Manipulation oder emotionaler Gewalt an einem Partner festhalten. Fachlich ist es jedoch sinnvoll, genauer hinzusehen: In toxischen und missbräuchlichen Beziehungen werden häufig die Begriffe Traumabindung oder traumatische Bindung verwendet.

Eine solche Bindung kann entstehen, wenn sich verletzende Erfahrungen und Phasen von Zuwendung, Versöhnung oder scheinbarer Nähe wiederholen. Die Beziehung wird dadurch emotional besonders widersprüchlich: Dieselbe Person, die Angst, Schmerz oder Verunsicherung auslöst, ist zugleich diejenige, von der sich der betroffene Mensch Liebe, Trost und Sicherheit erhofft.

Wie entsteht eine solche Bindung?

In einer gesunden Beziehung sollte Nähe grundsätzlich mit Verlässlichkeit, Respekt und emotionaler Sicherheit verbunden sein. In einer dysfunktionalen Beziehung kann sich dagegen ein Kreislauf entwickeln: Auf Abwertung, Rückzug oder Streit folgen Entschuldigungen, liebevolle Gesten und Versprechen, dass sich alles ändern werde.

Nach einer Phase großer Anspannung kann bereits eine kleine Geste der Zuneigung eine enorme Erleichterung auslösen. Die betroffene Person schöpft Hoffnung, fühlt sich dem Partner wieder nahe und erinnert sich daran, warum sie sich ursprünglich in ihn verliebt hat.

Diese Wechsel zwischen Verletzung und Zuwendung können die emotionale Bindung verstärken. In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang unter anderem von intermittierender Verstärkung gesprochen: Eine positive Erfahrung tritt nicht verlässlich auf, sondern unregelmäßig. Gerade diese Unvorhersehbarkeit kann dazu beitragen, dass jemand immer wieder auf den nächsten liebevollen Moment hofft.

Hinzu kommt, dass Bindung und Sicherheit für Menschen grundlegende Bedürfnisse sind. Wenn der eigene Partner zugleich Quelle von Angst und ersehnter Geborgenheit ist, entsteht ein innerer Konflikt. Um diesen Widerspruch auszuhalten, versucht die betroffene Person möglicherweise, das Verhalten des Partners zu erklären, eigene Bedürfnisse zurückzustellen oder die Verantwortung für die Konflikte bei sich selbst zu suchen. 

Wie fühlt sich das für Betroffene an?

Von außen betrachtet erscheint es oft unverständlich, warum eine Frau bei einem Partner bleibt, der sie wiederholt verletzt. Manchmal versteht sie selbst nicht mehr, warum sie sich nicht lösen kann. Sie erkennt möglicherweise sehr genau, dass die Beziehung ihr schadet, und sehnt sich trotzdem nach ihm.

Typische Erfahrungen können sein:

  • Sie vermisst den Partner, obwohl sie weiß, dass ihr die Beziehung nicht guttut.

  • Sie erinnert sich besonders an die schönen Momente und zweifelt daran, ob die Verletzungen wirklich so schlimm waren.

  • Sie hat Mitleid mit dem Partner und glaubt, ihn verstehen, retten oder verändern zu müssen.

  • Sie übernimmt die Schuld für sein Verhalten und fragt sich, was sie selbst anders machen müsste.

  • Sie fühlt sich zwischen Hoffnung, Angst, Wut, Sehnsucht und Enttäuschung hin- und hergerissen.

  • Sie hat Angst vor der Trennung und gleichzeitig Angst davor, in der Beziehung zu bleiben.

Diese Ambivalenz kann sehr belastend sein. Die Betroffene kämpft nicht einfach nur mit einer Entscheidung, sondern häufig mit widersprüchlichen Gefühlen, tief verwurzelten Bindungsbedürfnissen und der Hoffnung, dass die Beziehung doch noch so wird, wie sie sich das ursprünglich gewünscht hatte.

Dabei ist wichtig: Ein Mensch muss weder ein Stockholm-Syndrom noch eine Traumabindung haben, um in einer schädlichen Beziehung zu bleiben. Auch finanzielle Abhängigkeit, gemeinsame Kinder, soziale Isolation, Angst vor Rache, ein geschwächtes Selbstwertgefühl oder die Hoffnung auf Veränderung können eine Rolle spielen. Diese Faktoren müssen individuell betrachtet werden.

Warum fällt es so schwer, sich nach einer toxischen Beziehung emotional zu lösen?

Manche Frauen schaffen es irgendwann, sich zu trennen, obwohl ihre Gefühle noch stark an den ehemaligen Partner gebunden sind. Sie verstehen rational schon, dass die Trennung richtig war. Trotzdem warten sie innerlich auf eine Nachricht, vermissen den Partner oder verspüren eine starke Sehnsucht nach ihm.

Das ist kein Beweis dafür, dass die Trennung falsch war.

Wenn eine Beziehung über längere Zeit von Angst, Unsicherheit, Versöhnung und erneuter Verletzung geprägt war, können die emotionalen und körperlichen Reaktionen noch anhalten, obwohl die bewusste Entscheidung längst getroffen wurde. Eine Nachricht, ein bestimmter Ort oder eine Erinnerung kann dann Herzklopfen, innere Unruhe oder den Impuls auslösen, wieder Kontakt aufzunehmen.

Der Verstand kann bereits verstanden haben, was nicht gutgetan hat, während sich das emotionale Erleben noch nicht entsprechend verändert hat. Sich aus einer solchen Bindung zu lösen, bedeutet deshalb nicht nur, eine Entscheidung zu treffen. Es bedeutet auch, die eigenen Gefühle besser zu verstehen, wieder Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu entwickeln und Schritt für Schritt neue Erfahrungen von Sicherheit zu ermöglichen.

Vom Kopf in den Körper: Unterstützung nach einer toxischen Beziehung

Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, musst du dich dafür nicht verurteilen. Dass du einen Menschen vermisst, der dich verletzt hat, bedeutet nicht, dass du schwach bist oder dass du zu ihm zurückmusst. Gefühle lassen sich nicht einfach auf Knopfdruck abschalten.

Vielleicht hast du längst verstanden, warum die Beziehung dir geschadet hat. Vielleicht weißt du, dass die Trennung richtig war. Und trotzdem reagiert dein Körper noch mit Angst, innerer Unruhe oder Sehnsucht. Dann kann es hilfreich sein, nicht nur gedanklich aufzuarbeiten, was geschehen ist, sondern auch die eigenen körperlichen Reaktionen wahrzunehmen und Wege zu finden, dich wieder zu stabilisieren.

Genau dafür habe ich meinen kostenlosen Newsletter „Vom Kopf in den Körper“ entwickelt. Er richtet sich speziell an Frauen, die sich in einer toxischen Beziehung befinden oder eine solche Beziehung hinter sich haben.

Du erhältst wöchentlich psychologische Impulse und somatische Übungen, die dich dabei unterstützen, deine Reaktionen besser zu verstehen, dich im Alltag zu stabilisieren und wieder mehr bei dir selbst anzukommen.

Denn es geht nicht darum, deine Gefühle wegzudrücken oder dich dazu zu zwingen, endlich über deinen Ex-Partner hinwegzukommen. Es geht darum, dich selbst wieder stärker wahrzunehmen und Schritt für Schritt mehr innere Sicherheit aufzubauen.

Wenn du deinen Weg vom Verstehen zum tatsächlichen Fühlen gehen möchtest, lade ich dich herzlich ein, dich kostenlos für „Vom Kopf in den Körper“ anzumelden.

In meinem im November erscheinenden Buch "Lieber aus guten Gründen allein als aus falschen Gründen zusammen" gehe ich noch tiefer auf diese Zusammenhänge ein. Ich zeige dir, welche vermeintlich guten Gründe unser Verstand findet, um in einer Beziehung zu bleiben, die uns nicht guttut, was wirklich dahintersteckt und wie du dich mithilfe somatischer Übungen auf die Trennung vorbereiten, die Zeit danach bewältigen und Schritt für Schritt durch die verschiedenen Phasen deiner Heilung gehen kannst.

Passend dazu empfehle ich dir noch diese Beiträge:

Hilfe bei Narzissmus
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.