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Eine Frau sitzt beschämt mit angezogen Knien auf einem Stuhl, Symbolbild für victim blaming

Es gibt einen Satz, den viele Betroffene toxischer Beziehungen irgendwann zu hören bekommen, oft von Menschen, die es eigentlich gut meinen: „Warum bist du nicht einfach früher gegangen?“ Was hinter diesem Satz steckt, hat einen eigenen Namen in der Psychologie: Victim Blaming.

 

Was Victim Blaming bedeutet

Victim Blaming, im Deutschen auch als Opferbeschuldigung oder Täter-Opfer-Umkehr bezeichnet, beschreibt ein Muster, bei dem die Verantwortung für eine erlebte Verletzung, Gewalt oder Ungerechtigkeit ganz oder teilweise dem Opfer selbst zugeschrieben wird, statt dem eigentlichen Verursacher. Statt zu fragen, was eine Tat überhaupt ermöglicht hat, wird gefragt, was das Opfer hätte anders machen können, um sie zu verhindern. Diese Verschiebung der Verantwortung kann subtil geschehen, etwa durch gut gemeinte, aber unbedachte Fragen, oder ganz offen, etwa wenn das Verhalten oder die Entscheidungen des Opfers explizit als Ursache benannt werden.

Herkunft des Begriffs „victim blaming“

Der Begriff geht auf den amerikanischen Psychologen William Ryan zurück. Bereits 1969 verwendete er in einem Essay erstmals den Ausdruck blaming the victim, den er 1971 in seinem gleichnamigen Buch ausführlich entwickelte. Wichtig zu wissen: Ursprünglich bezog sich Ryans Konzept nicht auf individuelle Gewaltbeziehungen, sondern auf gesellschaftliche Phänomene wie Armut und Rassismus. Ryan kritisierte, wie damalige soziologische Studien, etwa der berühmte Moynihan-Bericht über afroamerikanische Familien in den USA, die Ursachen sozialer Probleme einseitig bei den Betroffenen selbst suchten, in ihrem Verhalten oder ihrer Kultur, statt die zugrunde liegenden strukturellen Ungleichheiten zu betrachten. Erst später, ab den 1970er Jahren, wurde der Begriff zunehmend auch im Kontext von Sexualstraftaten verwendet, vor allem im Rahmen von Verteidigungsstrategien in Vergewaltigungsprozessen, bei denen das Verhalten oder die Kleidung des Opfers als angebliche Mitursache dargestellt wurde. Von dort aus fand das Konzept seinen Weg in die Betrachtung häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt, einschließlich narzisstischer Beziehungen.

Welchen Einfluss Victim Blaming auf Betroffene hat

Für Menschen, die eine toxische Beziehung erlebt haben, ist dieser Effekt besonders verletzend, weil er auf eine bereits bestehende Wunde trifft. Innerhalb der Beziehung selbst erleben viele schon eine Form der Täter-Opfer-Umkehr durch den narzisstischen Partner, der eigenes Fehlverhalten konsequent auf das Opfer abwälzt. Kommt nach der Trennung dann noch Victim Blaming von außen hinzu, etwa von Familie, Bekannten oder sogar Fachpersonen, verstärkt das genau das Muster, aus dem sich die betroffene Person eigentlich befreien wollte. Die Folge ist häufig ein tiefes Gefühl der Isolation: Wer ohnehin schon an der eigenen Wahrnehmung zweifelt, fühlt sich durch Fragen wie „Warum bist du geblieben?“ zusätzlich allein gelassen, anstatt unterstützt zu werden.

Diese Form der Beschuldigung verhindert außerdem häufig, dass Betroffene überhaupt über ihre Erfahrungen sprechen. Wer fürchtet, für das Erlebte mitverantwortlich gemacht zu werden, schweigt oft lieber, statt Unterstützung zu suchen. Studien zur Reaktion auf Gewaltopfer zeigen ein wiederkehrendes Muster: Je mehr eine Person glaubt, dass die Welt grundsätzlich gerecht ist, desto eher sucht sie die Ursache eines Übels beim Opfer selbst, weil das die unangenehme Vorstellung vermeidet, dass auch unschuldigen Menschen Schreckliches geschehen kann, ohne dass sie etwas dazu beigetragen hätten.

Dieses Phänomen wird in der Sozialpsychologie auch als Glaube an eine gerechte Welt bezeichnet. Er erklärt, warum selbst wohlwollende Menschen unbewusst dazu neigen, nach einem Fehler beim Opfer zu suchen, anstatt die volle Verantwortung beim Täter zu belassen. Für Betroffene bedeutet das oft die zusätzliche, ungerechte Last, sich selbst rechtfertigen zu müssen, anstatt einfach gehört zu werden.

Besonders schwer wiegt Victim Blaming, wenn es von Menschen kommt, denen man eigentlich vertraut: enge Freunde, Familie, manchmal sogar Therapeutinnen oder Therapeuten ohne ausreichende Erfahrung mit narzisstischem Missbrauch. Fragen wie „Aber er konnte doch auch nett sein“ oder „Hast du ihn nicht vielleicht provoziert?“ mögen nicht böswillig gemeint sein, wirken aber genauso wie offene Anschuldigungen: Sie verschieben die Verantwortung weg vom eigentlichen Verursacher und zurück zum Opfer.

Wie du dich davor schützen kannst

Der wichtigste Schritt ist, eine klare innere Trennlinie zu ziehen zwischen dem, was tatsächlich geschehen ist, und der Bewertung von außen. Eine Reaktion von jemand anderem, selbst von einer nahestehenden Person, ist keine objektive Wahrheit über das, was du erlebt hast. Es kann zudem helfen, sich gezielt an Menschen oder Fachstellen zu wenden, die mit narzisstischem Missbrauch und seinen Dynamiken vertraut sind, statt allgemeine Reaktionen aus dem Umfeld als Maßstab zu nehmen.

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Victim Blaming von außen zu erkennen, schützt dich davor, es unreflektiert zu glauben. Aber das Wissen darum löst nicht automatisch das Echo dieser Fragen in dir, das sich manchmal anfühlt, als hätte es sich in deinen eigenen inneren Kritiker verwandelt. Dieses Echo sitzt nicht im Verstand. Es sitzt im Körper.

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