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Ein Mann zeigt belerend mit seinem Zeigefinger auf eine Frau, Symbolbild für Whataboutism

Whataboutism bezeichnet eine Gesprächsstrategie, bei der jemand auf Kritik mit einem Gegenangriff reagiert, statt sich mit dem ursprünglichen Vorwurf auseinanderzusetzen. Typisch sind Antworten wie „Und was ist mit dir?“ oder „Du machst doch selbst nichts besser!“. Die Aufmerksamkeit wird dadurch vom eigenen Verhalten auf vermeintliche Fehler des Gegenübers gelenkt.

Whataboutism kann in politischen Debatten, im Alltag und in Partnerschaften auftreten. In toxischen Beziehungen kann diese Strategie besonders problematisch werden, wenn sie wiederholt dazu dient, Verantwortung abzuwehren, Schuld umzudrehen und die andere Person an der eigenen Wahrnehmung zweifeln zu lassen.

Woher stammt der Begriff Whataboutism?

Der englische Begriff setzt sich aus what about („Was ist mit …?“) und der Endung -ism zusammen. Bekannt wurde Whataboutism vor allem während des Kalten Krieges durch die politische Kommunikation der Sowjetunion.

Wenn westliche Staaten Menschenrechtsverletzungen oder politische Unterdrückung in der Sowjetunion kritisierten, verwiesen sowjetische Vertreter häufig auf Missstände im Westen, beispielsweise Rassismus in den USA. Statt die konkrete Kritik zu beantworten, lenkten sie die Aufmerksamkeit auf das Fehlverhalten der Gegenseite. Damit sollte der Eindruck entstehen, dass die Kritiker kein Recht hätten, andere zu verurteilen.

Die Strategie selbst ist wesentlich älter. Sie ähnelt dem sogenannten tu quoque, lateinisch für „du auch“, bei dem ein Vorwurf mit dem Hinweis auf vergleichbares Verhalten des Anklägers abgewehrt wird. 

Wie zeigt sich Whataboutism?

Whataboutism lässt sich daran erkennen, dass ein konkreter Vorwurf nicht beantwortet, sondern durch einen anderen Vorwurf ersetzt wird. Typische Reaktionen sind:

  • „Und was ist mit deinen Fehlern?“

  • „Du bist doch selbst nicht besser.“

  • „Warum kritisierst du mich, wenn du das auch schon so gemacht hast?“

  • „Du solltest erst einmal vor deiner eigenen Haustür kehren.“

Dabei können die Gegen Vorwürfe durchaus einen wahren Kern enthalten. Auch das Verhalten des Gegenübers darf kritisiert werden. Entscheidend ist, ob beide Themen ernsthaft besprochen werden oder ob der Gegenangriff dazu dient, die ursprüngliche Kritik abzuwehren.

Whataboutism in toxischen Beziehungen

In toxischen Beziehungen kann Whataboutism dazu dienen, von problematischem Verhalten abzulenken, Verantwortung abzuwehren und die Gesprächssituation zu kontrollieren. Statt sich mit einer konkreten Kritik auseinanderzusetzen, lenkt die kritisierte Person das Gespräch auf vermeintliche Fehler ihres Gegenübers. So kann aus einer berechtigten Frage eine Auseinandersetzung werden, in der sich am Ende die kritisierende Person rechtfertigen muss.

Schuldverschiebung und Täter-Opfer-Umkehr: Die Verantwortung liegt plötzlich beim Gegenüber

Wird ein verletzendes Verhalten angesprochen, folgt beispielsweise die Antwort: „Dass ich so reagiert habe, liegt an dir. Du provozierst mich doch ständig.“ Die Verantwortung für das eigene Verhalten wird damit auf die andere Person abgewälzt. Das bezeichnet man als Schuldumkehr auf Englisch Blame Shifting.

Bei einer Täter-Opfer-Umkehr geht die Abwehr noch weiter: Die kritisierte Person stellt sich selbst als eigentlich Geschädigte dar und lässt das Gegenüber als Täter erscheinen. Beide Muster können ineinandergreifen. Whataboutism kann diese Dynamik verstärken, indem er den Blick von der ursprünglichen Kritik weglenkt und die andere Person dazu bringt, sich für ihr eigenes Verhalten zu verteidigen.

Whataboutism als Mittel zur Kontrolle

Wird diese Gesprächsstrategie wiederholt eingesetzt, kann sie dazu beitragen, die Kommunikation zu kontrollieren. Wer jede Kritik abwehrt, Gegenangriffe startet oder das Thema ständig wechselt, bestimmt zunehmend, worüber gesprochen werden darf und welche Probleme ungelöst bleiben. Das Gegenüber muss dann womöglich immer wieder seine Wahrnehmung erklären, sich rechtfertigen oder beschwichtigen, statt eigene Anliegen anzusprechen. Mit der Zeit kann es deshalb schwieriger werden, Grenzen zu setzen oder problematisches Verhalten überhaupt noch zur Sprache zu bringen. Entscheidend ist dabei das wiederkehrende Muster, nicht eine einzelne abwehrende Reaktion.

Gaslighting: Wenn die eigene Wahrnehmung infrage gestellt wird

Whataboutism ist nicht automatisch Gaslighting. Gaslighting bezeichnet ein Manipulationsmuster, bei dem die Wahrnehmung, Erinnerung oder Einschätzung einer Person wiederholt infrage gestellt oder verzerrt wird. Aussagen wie „Das bildest du dir nur ein“ oder „Du verdrehst immer alles“ können Teil eines solchen Musters sein, wenn sie dazu beitragen, dass die betroffene Person zunehmend an der eigenen Einschätzung zweifelt.

Die Verhaltensweisen können sich überschneiden: Whataboutism lenkt von der Kritik ab, Schuldverschiebung verlagert die Verantwortung, Täter-Opfer-Umkehr dreht die zugeschriebenen Rollen um, und Gaslighting untergräbt das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. In einer toxischen Beziehung können diese Mechanismen gemeinsam dazu beitragen, Verantwortung zu vermeiden und die Handlungsspielräume des Gegenübers einzuschränken.

Welche Folgen kann Whataboutism für Betroffene haben?

Wer wiederholt erlebt, dass eigene Anliegen mit Gegenangriffen beantwortet werden, kann zunehmend verunsichert sein. Statt über das ursprüngliche Problem zu sprechen, wird immer mehr Energie darauf verwendet, sich zu erklären, die eigene Wahrnehmung zu verteidigen oder die Vorwürfe des Gegenübers zu widerlegen.

Auf Dauer kann das dazu führen, dass eigene Bedürfnisse zurückgestellt werden und schwierige Themen lieber gar nicht mehr angesprochen werden. Betroffene fragen sich möglicherweise, ob sie zu empfindlich sind oder selbst die Ursache für die Konflikte darstellen. So kann ein Kommunikationsmuster, das Verantwortung verhindert, auch das Selbstvertrauen und das Gefühl für die eigenen Grenzen beeinträchtigen.

Hilfreich kann es sein, zum ursprünglichen Anliegen zurückzukehren: „Wir können gern auch über mein Verhalten sprechen. Das ändert aber nichts daran, dass wir dieses konkrete Problem klären müssen.“ Wenn das dauerhaft nicht möglich ist, darf auch das ein wichtiges Signal sein.

Was dir dabei helfen kann

Wer in einer toxischen Beziehung immer wieder erlebt, dass Kritik abgewehrt, Vorwürfe umgedreht oder die eigenen Gefühle infrage gestellt werden, kann irgendwann selbst an dem zweifeln, was ursprünglich ganz klar erschien. Sich aus solchen Dynamiken zu lösen, bedeutet deshalb oft auch, die eigenen Reaktionen neu einordnen zu lernen – und zu verstehen, warum der Kopf etwas längst erkannt hat, während sich emotional noch alles ganz anders anfühlt.

Genau diese Verbindung zwischen psychologischem Verständnis und körperlichem Erleben steht im Mittelpunkt meines kostenlosen Newsletters „Vom Kopf in den Körper“. In meinen wöchentlichen Impulsen und somatischen Übungen geht es darum, die eigenen inneren Muster besser zu verstehen und neue Erfahrungen im Umgang mit sich selbst zu ermöglichen.

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