„Er hat mir so wehgetan, dass ich danach angefangen habe zu bluten. Und als ich ihn darauf ansprach, grinste er nur und sagte: ‚Ja, aber das war doch geil.‘“, erzählt mir Steffi mit erstickter Stimme während unserer Sitzung.
Diese erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz der eigenen Partnerin wirft eine wichtige Frage auf: Welche Rolle spielen Gefühle und Empathie in der Sexualität eines Psychopathen? Kann jemand beim Sex Lust empfinden, während der andere leidet, ohne dabei auch nur einen Moment innezuhalten?
Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Menschen mit ausgeprägten psychopathischen Eigenschaften einige Besonderheiten in ihrem Sexualverhalten aufweisen können. Doch was bedeutet das konkret für ihre Partnerinnen und Partner? In diesem Artikel erfährst du, was die Forschung über die Sexualität von Psychopathen herausgefunden hat, welche Rolle emotionale Nähe, Macht und persönliche Grenzen dabei spielen und welche psychischen Folgen solche Erfahrungen hinterlassen können.
Welche Besonderheiten weist die Sexualität eines Psychopathen auf?
Für Steffi war besonders schmerzhaft, dass Paul offenbar völlig gleichgültig war, wie es ihr beim Sex ging. Doch diese fehlende Rücksichtnahme ist nicht die einzige Besonderheit, die sich in der Sexualität eines Psychopathen zeigen kann. Auch sein Umgang mit Nähe, Treue und persönlichen Grenzen kann für den Partner zur Belastung werden.
Sex ohne emotionale Bindung
Am Anfang ihrer Beziehung fühlte sich Steffi von Paul unglaublich begehrt. Er suchte ständig ihre körperliche Nähe und konnte beim Sex ausgesprochen leidenschaftlich sein. Doch sobald sie sich emotionale Nähe wünschte, zog er sich zurück. Irgendwann hatte sie das Gefühl, dass er zwar ihren Körper wollte, aber nicht wirklich sie als Mensch.
Dass Menschen mit psychopathischen Eigenschaften häufiger Sex ohne emotionale Bindung suchen, bestätigt auch die Forschung. Kaitlyn White und ihr Team werteten 2025 die Ergebnisse von 37 Studien mit über 15.000 Teilnehmern aus. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen psychopathischen Eigenschaften und einer größeren Offenheit für unverbindlichen Sex.
Psychologisch lässt sich das unter anderem durch die starke Orientierung an den eigenen Bedürfnissen und eine eingeschränkte Empathiefähigkeit erklären. Sex kann dann vor allem der eigenen Befriedigung dienen, ohne dass damit der Wunsch nach emotionaler Verbundenheit einhergeht.
Häufig wechselnde Sexualpartner
Steffi glaubte lange, für Paul die einzige Frau zu sein. Bis sie herausfand, dass er heimlich mit anderen Frauen flirtete und sich sogar mit ihnen traf. Als sie ihn darauf ansprach, warf er ihr vor, krankhaft eifersüchtig zu sein. Statt einer ehrlichen Antwort bekam sie das Gefühl, selbst das Problem zu sein.
Dass psychopathische Eigenschaften mit Untreue zusammenhängen können, bestätigen auch aktuelle Studien. Die Psychologin Aslıhan Ataman und ihre Kollegin Özden Yalçınkaya Alkar (2025) untersuchten dafür elf wissenschaftliche Arbeiten. Ihre Ergebnisse zeigten: Je stärker psychopathische Eigenschaften ausgeprägt waren, desto häufiger kam es zu Untreue.
Dahinter können die Suche nach neuen Reizen, Impulsivität und mangelnde Rücksicht auf die Gefühle des Partners stecken. Für die betroffenen Partnerinnen ist diese Untreue oft besonders verletzend, weil sie nicht nur das Vertrauen in die Beziehung zerstört, sondern auch tiefe Selbstzweifel auslösen kann: Warum bin ich ihm nicht genug? Was haben die anderen Frauen, was ich nicht habe?
Sexuelle Risikobereitschaft
Wenn Steffi beim Sex auf Sicherheit bestand, reagierte Paul genervt. Er wollte sich seine Lust nicht durch ihre Bedenken verderben lassen. Mit der Zeit traute sie sich immer seltener, ihre Wünsche offen auszusprechen, weil sie Angst vor seiner Reaktion hatte.
Dass Menschen mit psychopathischen Eigenschaften beim Sex häufiger Risiken eingehen, zeigt auch eine aktuelle Studie. Der Psychologe Chan und Beech (2024) befragten dazu 714 Erwachsene. Dabei stellten sie fest, dass insbesondere Menschen mit ausgeprägter Gefühlskälte und antisozialen Eigenschaften häufiger riskantes Sexualverhalten zeigten.
Eine mögliche Erklärung ist, dass für sie die unmittelbare sexuelle Befriedigung wichtiger sein kann als mögliche Konsequenzen. Wenn dazu mangelnde Empathie kommt, geraten auch die Bedürfnisse und die Sicherheit des Partners leicht in den Hintergrund. Für Betroffene kann das bedeuten, dass sie zunehmend unter Druck geraten und ihre eigenen Grenzen überschreiten, nur um Konflikte zu vermeiden.
Hohes sexuelles Selbstbewusstsein und starkes sexuelles Verlangen
Paul wusste genau, wie er Steffi verführen konnte. Er war charmant, selbstbewusst und zeigte ihr ganz offen, wie sehr er sie begehrte. Anfangs genoss sie seine Leidenschaft. Sie fühlte sich attraktiv und begehrenswert. Doch mit der Zeit bemerkte sie, dass sich beim Sex vieles um seine Wünsche drehte. Was ihr gefiel oder ob sie überhaupt Lust hatte, schien ihn zunehmend weniger zu interessieren.
Dass Menschen mit psychopathischen Eigenschaften sexuell besonders selbstsicher auftreten können, bestätigen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Die Psychologen Benedikt Steininger und Jakob Pietschnig (2022) befragten 896 Erwachsene zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Sexualleben. Dabei stellten sie fest, dass Menschen mit stärker ausgeprägten psychopathischen Eigenschaften häufiger von einem hohen sexuellen Verlangen und größerem Selbstbewusstsein beim Sex berichteten. Gleichzeitig fühlten sie sich in ihrer Sexualität weniger unsicher und hatten seltener Angst davor, mit jemandem intim zu werden.
Das kann erklären, warum solche Menschen auf ihre Partner anfangs besonders anziehend wirken. Wer seine Wünsche selbstbewusst äußert und kaum Angst vor Zurückweisung zeigt, kann schnell den Eindruck eines leidenschaftlichen Liebhabers vermitteln.
Doch sexuelles Selbstbewusstsein bedeutet nicht automatisch, ein einfühlsamer Liebhaber zu sein. Wer vor allem die eigene Befriedigung im Blick hat, übersieht möglicherweise, dass erfüllende Sexualität mehr braucht als Leidenschaft: nämlich gegenseitige Aufmerksamkeit, Vertrauen und Rücksichtnahme.
Sex als Mittel zur Manipulation und Kontrolle
Mit der Zeit bemerkte Steffi, dass Pauls Zärtlichkeiten immer unberechenbarer wurden. Nach einem Streit konnte er sie plötzlich wieder mit Aufmerksamkeit überschütten, als wäre nichts gewesen. Doch wenn sie selbst keine Lust auf Sex hatte, reagierte er beleidigt oder warf ihr vor, ihn nicht mehr zu lieben. Irgendwann gab Steffi immer häufiger nach, nur um seine schlechte Laune nicht ertragen zu müssen.
Sex kann in toxischen Beziehungen zu einem Mittel werden, mit dem Druck ausgeübt und Kontrolle hergestellt wird. Dass psychopathische Eigenschaften dabei eine Rolle spielen können, untersuchten der Psychologe Kristopher Brazil und sein Forschungsteam (2023). Sie befragten 143 Paare und stellten fest, dass Männer mit stärker ausgeprägten psychopathischen Eigenschaften häufiger zu misstrauischer Eifersucht und sexueller Nötigung gegenüber ihrer Partnerin neigten.
Dabei kann Eifersucht zum Vorwand werden, um Ansprüche auf den Körper des Partners zu erheben. Die eigenen sexuellen Bedürfnisse werden eingefordert, während die Wünsche des anderen immer weniger zählen.
Für Betroffene ist das besonders belastend, weil sie irgendwann nicht mehr aus eigenem Verlangen mit ihrem Partner schlafen, sondern aus Angst vor Streit, Vorwürfen oder emotionalem Rückzug. So kann etwas, das eigentlich Nähe und Geborgenheit schaffen sollte, zunehmend mit Anspannung und Unsicherheit verbunden sein.
Sexuelle Grenzüberschreitungen und Gewalt
Steffi hatte Paul nach der schmerzhaften Erfahrung aus unserer Eingangsgeschichte deutlich gesagt, wie sehr sein Verhalten sie verletzt hatte. Doch statt Verständnis zu zeigen, spielte er ihre Gefühle herunter. Besonders schlimm war für sie die Erkenntnis, dass ihr Schmerz für ihn offenbar keine Rolle spielte. Sie begann sich zu fragen, ob sie ihm überhaupt noch vertrauen konnte.
Dass Psychopathie mit einem erhöhten Risiko für sexuelle Aggression zusammenhängt, zeigt eine aktuelle Untersuchung. Die Psychologin Melissa Packer West und ihr Forschungsteam (2025) werteten die Ergebnisse aus 95 wissenschaftlichen Arbeiten mit insgesamt über 41.000 Teilnehmern aus. Dabei fanden sie einen deutlichen Zusammenhang zwischen psychopathischen Eigenschaften und verschiedenen Formen sexueller Aggression. Besonders Gefühlskälte und mangelnde Impulskontrolle spielten eine Rolle.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder Mensch mit psychopathischen Eigenschaften sexuell gewalttätig wird. Die Forschung zeigt jedoch, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale das Risiko für Grenzüberschreitungen erhöhen können.
Für Betroffene können solche Erfahrungen tiefgreifende Folgen haben. Denn wenn der eigene Partner Schmerzen, Angst oder ein deutliches Nein ignoriert, geht nicht nur das Vertrauen in ihn verloren. Häufig wird auch das eigene Gefühl von Sicherheit und Selbstbestimmung erschüttert.
Und genau das macht sexuelle Grenzverletzungen innerhalb einer Beziehung so belastend: Sie geschehen ausgerechnet mit einem Menschen, bei dem man sich eigentlich sicher und geborgen fühlen möchte.
Ausgefallene sexuelle Vorlieben
Paul sprach schon früh offen über seine sexuellen Fantasien und wollte immer wieder Neues ausprobieren. Anfangs fand Steffi seine Experimentierfreude aufregend. Doch mit der Zeit wurden seine Wünsche für sie zunehmend unangenehm. Wenn sie etwas ablehnte, reagierte er enttäuscht oder versuchte, sie doch noch zu überreden. Steffi hatte immer häufiger das Gefühl, dass es ihm weniger um gemeinsame Lust ging als darum, seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen.
Doch haben Psychopathen tatsächlich häufiger ungewöhnliche sexuelle Vorlieben?
Die Psychologin Ashleigh Thatcher und ihre Kollegen Louise Wallace und Dean Fido (2023) gingen dieser Frage nach. Sie befragten 405 Menschen zu ihren sexuellen Wünschen, psychopathischen Eigenschaften und ihrer Neigung zu sexueller Nötigung. Dabei zeigte sich, dass bei Männern mit ausgeprägten psychopathischen Eigenschaften sexuelle sadistische Neigungen besonders stark mit der Bereitschaft zusammenhingen, andere zu sexuellen Handlungen zu drängen oder zu zwingen. Bei Frauen fanden die Forschenden diesen Zusammenhang nicht.
Allerdings lässt sich daraus nicht schließen, dass Psychopathen grundsätzlich außergewöhnliche oder sadistische sexuelle Vorlieben haben. Auch ungewöhnliche sexuelle Praktiken sind nicht automatisch problematisch, solange beide Partner damit einverstanden sind.
Problematisch wird es, wenn jemand seine sexuellen Wünsche gegen den Willen des Partners durchsetzen möchte. Für Betroffene kann das besonders verwirrend sein, wenn sie zunächst aus Liebe oder Neugier mitmachen und erst später erkennen, wie sehr ihre persönlichen Grenzen dabei unter Druck geraten sind.
Welche Folgen kann diese Beziehung für Betroffene haben?
Steffi hatte irgendwann kaum noch Lust auf Sex mit Paul. Früher hatte sie seine Nähe gesucht, doch inzwischen fühlte sie sich oft unwohl, wenn er sie berührte. Manchmal ließ sie sich trotzdem auf Sex ein, weil sie keine Lust auf die anschließenden Diskussionen hatte. Danach fühlte sie sich leer und fragte sich, was eigentlich mit ihr los war. War sie zu empfindlich? Stimmte etwas mit ihr nicht?
Was Steffi erlebte, kann tiefe psychische Spuren hinterlassen. Wenn die eigenen Grenzen immer wieder missachtet werden, kann die Sexualität zunehmend mit Angst, Druck oder Scham verbunden sein. Manche Betroffene verlieren das Vertrauen in ihren Körper und ihre eigenen Gefühle. Andere entwickeln Schuldgefühle, Schlafstörungen oder ziehen sich zurück.
Wie stark sich solche Erfahrungen auf die Sexualität auswirken können, zeigt auch eine Studie von Nicola Sheeran und ihrem Forschungsteam (2024). Frauen, die Gewalt in ihrer Partnerschaft erlebt hatten, berichteten häufiger von sexuellen Ängsten, geringerer sexueller Zufriedenheit und Furcht vor sexuellen Begegnungen.
Besonders belastend ist, dass die Betroffenen häufig beginnen, an sich selbst zu zweifeln. Wenn der Partner ihre Gefühle herunterspielt, ihnen die Schuld gibt oder ihre Grenzen als übertrieben darstellt, verlieren sie zunehmend das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.
Aus psychologischer Sicht ist es wichtig zu verstehen: Wenn Nähe irgendwann Angst auslöst oder der Körper bei Berührungen mit Anspannung reagiert, kann das eine Folge der belastenden Erfahrungen sein. Bei manchen Betroffenen entwickeln sich daraus sogar Depressionen oder eine posttraumatische Belastungsstörung. Solche Reaktionen sind nicht zwangsläufig dauerhaft. Mit der richtigen Unterstützung können Betroffene lernen, sich wieder sicher zu fühlen, ihre Grenzen wahrzunehmen und Sexualität nach ihren eigenen Bedürfnissen zu erleben.
Wie kann ich dich dabei unterstützen?
Als Psychologin und selbst ehemals Betroffene begleite ich seit Jahren Frauen dabei, die Folgen toxischer Beziehungen zu verarbeiten und wieder zu sich selbst zurückzufinden.
In meiner 1:1-Beratung verbinde ich psychologische Aufklärung über Narzissmus, Psychopathie und toxische Beziehungen mit körperorientierten Übungen. Denn vielleicht verstehst du längst, was in deiner Beziehung passiert ist und warum dein Ex-Partner sich so verhalten hat. Doch dieses Wissen allein lässt die belastenden Gefühle nicht einfach verschwinden.
Da sind immer noch Schuldgefühle, Scham, kreisende Gedanken oder eine tiefe Wut auf deinen Ex-Partner. Vielleicht zweifelst du sogar noch immer an dir selbst, obwohl du längst weißt, dass du nicht die Schuld an seinem Verhalten trägst.
Genau hier setzen wir gemeinsam an. Mit somatischen Übungen wie EFT-Klopfen und Atemtechniken helfe ich dir, nicht nur gedanklich, sondern auch auf körperlicher Ebene mit diesen Gefühlen zu arbeiten. Damit du Schritt für Schritt wieder mehr innere Ruhe findest, Vertrauen in dich selbst aufbaust und dich auch emotional von dieser Beziehung lösen kannst.
Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, freue ich mich, dich in meiner 1:1-Beratung zu begleiten.